Fear of missing out – sozialer Druck goes digital

Fear of missing out – sozialer Druck goes digital 954 632 Julia Eckebrecht

„Das ist jetzt wirklich das Letzte“, denke ich bevor ich die fünf letzten YouTube Videos anschaue, die ich noch unbedingt in meinen Tag quetschen muss. Wie könnte ich auch anders? Der Tag hat nun mal nur 24 Stunden und wenn ich neben Arbeit, Hobbys und lebenserhaltenen Maßnahmen, wie Essen und Trinken, noch meinen digitalen Druck befriedigen muss, kann der Schlaf noch etwas warten. Dass mein Verhalten nicht unbedingt gesund ist habe mir bereits gedacht, wusste aber noch nicht, dass es sich bereits einen Namen verdient hat: Fear of missing out (FOMO) heißt das soziale Phänomen, das die Angst beschreibt etwas zu verpassen. Zwar ist es nicht neu, im Gegenteil, das Bedürfnis nach sozialer Interaktion und neuen, befriedigenden Ereignissen ist so alt wie die Gesellschaft selbst, jedoch kann das Gefühl durch soziale Netzwerke enorm verstärkt werden. Wer eine Veranlagung für diese Form von Angst hat, hat es heutzutage deutlich schwerer als noch vor einigen Jahren. Denn früher musste sich der FOMO-Betroffene nur darüber sorgen, ob er sich Freitagabend für den richtigen Club entschieden hat. Heute kann er, egal wann und wo, das tollste Instagram-Bild, die wichtigste E-Mail, das coolste Video und die spannendsten News verpassen. Aus Angst davor bleibt das Smartphone stets griffbereit und der Benachrichtigungs-Service angeschaltet.

Die tägliche Interaktion mit hunderten von Menschen in sozialen Medien, führt zu einem ständigen Vergleich des eigenen Lebensstandards. Die blendende Fassade eines Instagram- Profils lässt dabei häufig die Betrachter erblinden. Der Cappuccino mit herzförmiger Schaumkrone zeigt nämlich nur einen Moment des Glücks und nicht die restlichen 90 Prozent des Tages, die Person A mit einem cholerischen Chef und genervten Kollegen verbringen musste. Person B muss natürlich mithalten und bemerkt beim nächsten Post, dass sein Kaffee nicht nur eine ästhetische Schaumkrone, sondern auch Sojamilch beinhaltet. FOMO bedeutet auch, die Angst davor den Augenblick zu verpassen, eigene Erfahrungen zu teilen.

Wer bei dem Gedanken daran, dass Freunde sich treffen und Spaß haben traurig wird, weil man nicht dabei sein kann, muss sich wohl eingestehen, betroffen zu sein. Auch die krampfhafte Nutzung sozialer Medien, selbst beim Essen oder Autofahren, sind Indizien dafür, der FOMO verfallen zu sein. Um diesem Verhalten entgegenzuwirken, hilft es, sein Handeln zu hinterfragen und der blendenden Fassade der Online-Welt seinen Glanz zu nehmen. Wie authentisch ist die immerzu lächelnde Influencerin? Und was bringt mir die Information, dass Ex-GZSZ-Star Isabell Horn wieder schwanger ist? Helfen kann das justieren der genutzten Medien. Es gibt die Möglichkeit, Zeitsperren für bestimmte Apps einzustellen. Zusätzlich kann man die Notifikationen ausschalten. Das neue IOS-Update lässt die komplette Handy Nutzung nachvollziehen. Vielleicht hilft der Gedanke, dass man ein Fünftel des Tages die Facebook Timeline hoch und runter scrolled, die Nutzung sozialer Netzwerke zu verringern.

Die im Internet zur Verfügung gestellte Menge an Informationen machen es schwer, Entscheidungen zu treffen. Die Highlights des letzten Bundesliga Spiels sind für mich genauso interessant wie mein Lieblings Online-Podcast. Also schaue ich beides. Und werde danach durch die unendlichen Weiten des Internets mit Hilfe tausender Algorithmen geleitet. Am Ende lande ich bei einem Dokumentarfilm über verwaiste Koalabären. „Das ist das Letzte“, murmle ich leise vor mich hin und sage Siri, dass sie mich bitte fünf Minuten später wecken soll.

Text: Ben Haberstock
Fotocredit: Aaron Blanco-Tejedor/Unsplash

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