HOCHBEET STATT HANDY – Ein „JOMO“-Erfahrungsbericht

HOCHBEET STATT HANDY – Ein „JOMO“-Erfahrungsbericht 6000 4000 Julia Eckebrecht

„Ernsthaft, ich war kurz davor, bei deinen Eltern anzurufen. Ich dachte, du wärst tot!“
Eine Woche. Eine Woche ohne WhatsApp, Instagram und Co. Das war alles, was ich wollte. Einfach mal ein bisschen JOMO genießen. „Joy Of Missing Out“, zu Deutsch: „Freude am Verpassen.“ Oder besser: Das Gegenteil von „Fear of Missing Out“ (kurz „FOMO“) – ein soziales Phänomen. Übersetzt bedeutet es die ständige Angst, etwas nicht mitzubekommen oder zu verpassen. Doch bei JOMO ist es anders. Hier entsteht Freude dadurch, dass man eben diese Dinge nicht tut. Sondern: Offline leben. Kein Computer, kein Tablet, kein Smartphone. Der Urlaub eignet sich perfekt dafür. Keine Verpflichtungen, keine Mails, keine Erreichbarkeit. Was auch bedeutet: Im Urlaub mal wieder die Straßenkarte zurHand nehmen, den „Hier bist Du“-Punkt auf der Orientierungskarte am Strand finden oder ein Restaurant besuchen, ohne zuvor mehrere TripAdvisor Bewertungen gelesen zu haben. Sich einfach mal überraschen lassen.

Endlich ist der Akku leer
Meinen Selbstversuch hatte ich angekündigt. „Ich mache nächste Woche Social-Media-Ferien,“ schrieb ich den wichtigsten Personen via WhatsApp. Nach meinem letzten Arbeitstag ließ ich das Handy wie gewohnt weiterlaufen. 54 Prozent, 33 Prozent, 15 Prozent – die Akku-Anzeige wurde rot. Jetzt bloß nicht schwach werden und zum Ladekabel greifen. Die schlimmsten zwei Stunden sind die fünf bis ein Prozent. Man weiß, lange läuft das Ding nicht mehr. Ab drei Prozent könnte es praktisch jederzeit ausgehen. Und dann passiert es: Bildschirm schwarz. Es geht nichts mehr. Doch statt blanker Panik und Schweißperlen der Angst setzt nun die JOMO ein: Das befreiende Gefühl, wenn der Handyakku leerläuft. Kurz umschauen, kurzer Blick nach draußen: Jup – alles noch so wie vorher. „Orientierungslose Menschen wie du sind in Gebieten mit mehr als drei Straßen ohne Google Maps doch verloren“, wurde mir mehr als nur einmal gesagt. Zugegeben, wenn ich in der Großstadt bin, unter Zeitdruck stehe und dringend irgendwo hinmuss, bin ich für Google Maps sehr dankbar. Auch, wenn mir eine App sagt, in welche Bahn ich steigen muss, wie lange ich für einen Weg brauche, wo gerade mal wieder nerviger Schienenersatzverkehr ist – das digitale Leben macht vieles einfacher. Die Digitalisierung bringt uns sehr viel Gutes – „Herausforderungen und Chancen“, wie es so schön heißt. Und eine Herausforderung ist, ganz klar, darauf zu verzichten. Das sogar auch noch ganz bewusst. „Freiwillige und Kurzzeit-Diskonnektion“ – klingt komplizierter, als es ist. Ob am Wochenende, beim Essen mit Freunden oder, so wie ich, im Urlaub.

Machen mit Ansage
Mein persönliches Fazit: Einfach machen. Auch wenn man sich so leicht für mehrere Stunden im Instagram-Feed verliert – es tut gut, eben genau das nicht zu tun. Das Handy läuft nicht weg, und Nachrichten lassen sich auch erst Tage später lesen.Es wird langweilig und du weißt nicht, was du machen sollst? Einfach mal die Eltern fragen. Schließlich mussten die ein Großteil ihres Lebens ohne Smartphone bewältigen. Oft entdeckt man dann erst ganz neue Dinge, für die man sich begeistert: Ich zum Beispiel habe eine Leidenschaft für’s Zucchini-Ernten und Karottenziehen im Hochbeet meiner Mutter entdeckt. Wusste ich vorher überhaupt von der Existenz eines Hochbeets im heimischen Garten? Nein.

Meine aufgebrachte Freundin war trotzdem sehr froh, als ich mich nach einer Woche aus meinem Handy-freien Urlaub zurückmeldete. Es folgten lange Diskussionen, ob WhatsApp wirklich zu Social-Media gehöre. Unter „Social-Media-Ferien“ hätte sie etwas Anderes verstanden. Deswegen ein kleiner Tipp: Erklärt ganz deutlich, was ihr vorhabt – damit es zu keinerlei Missverständnissen kommt.

Text: Johanna Steinschulte
Fotocredit: Prateek Katyal/Unsplash

 

 

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