Me, myself & my Algorithmus

Me, myself & my Algorithmus 2560 1649 Julia Eckebrecht

Das Gabler Wirtschaftslexikon definiert den Begriff Algorithmus wie folgt:

  1. Eine präzise, d.h. in einer festgelegten Sprache abgefasste, endliche Beschreibung eines allgemeinen Verfahrens unter Verwendung elementarer Verarbeitungsschritte zur Lösung einer gegebenen Aufgab
  2. Lösungsverfahren in Form einer Verfahrensanweisung, die in einer wohldefinierten Abfolge von Schritten zur Problemlösung führt.

Somit wendest du einen Algorithmus an, wenn du 1.) dein Navi einschaltest und es dir den schnellsten Weg zur Arbeit berechnet oder du 2.) einen Kuchen backst. Eine tolle Hilfestellung – oder?

Warum mein Algorithmus mich mal (gerne haben) kann
Als ich noch bei Instagram aktiv war, hat mich das ganz schön gestört: Immer wieder in der eigenen Bubble gefangen zu sein bedeutet ja auch, in der Kreativität und der Meinungsbildung ausgebremst zu werden. Denn komme ich nicht mit anderen Themen in Verbindung als denen, denen ich sowieso schon folge, erweitert sich mein Horizont nicht, er verkümmert. Ein Umstand, den ich unbedingt vermeiden möchte. Bei Instagram war ich also gefangen zwischen Yogi-macht-eine-hübsche-Pose-am-Strand- und Wunderschön-drapierte-Bücher-Beiträgen. Ich musste konsequent selber auf Inspirationssuche gehen, wenn ich einmal was Anderes sehen wollte. Und trotzdem spülte man mir immer wieder die gleichen Bilder in den Feed. Dabei ist es Instagram eigentlich besonders wichtig, mich als User möglichst lang am Screen zu halten. Schließlich verdient der Konzern an jeder mir ausgespielten Social Ad.

Nun bin ich aus diversen Gründen schon seit Monaten nicht mehr bei Instagram, der Feed ist nur einer davon. Leider quält mich auch die mir eigentlich sehr liebgewonnene App Pinterest mit einem eintönigen Feed, dank Algorithmus. So schnell, wie Pinterest verstanden hat, dass ich besonders gern auf vegane Kuchen, Häuser mit ausgebauten Dachstühlen, Bücherwände und Fair Fashion klicke, hat es nicht mal Instagram geschafft. Ich verstehe, dass Pinterest sich mir anbieten will, mir ein tolles Klickerlebnis bieten möchte. Aber ich habe dadurch ein Algorithmus-Brett vor dem Kopf. Was weiß denn ich, ob mir nicht auch blaue Wände und rote Samtkleider gefallen könnten? Was mir nie angezeigt wird, lerne ich ja gar nicht erst nicht kennen. Ein bisschen weniger kuratierte Inhalte, ein bisschen mehr allgemeine Trends fände ich klasse. Ansonsten wird es langweilig.

Skip me if you can
Ganz besonders nervig und fast schon ein wenig hasserfüllt ist meine Beziehung zu Spotify. Seit guten acht Jahren bin ich bei dem Musikstreaming-Anbieter. Man sollte meinen, er kenne mich gut. Tut er aber nicht. Die Grundidee ist: Spotify setzt sich zunächst mit deinem Musikgeschmack auseinander. Was hörst du, welche Künstler, wie oft und wie lange. Daraus baut sich Spotify ein Profil von dir, das es mit anderen Profilen vergleicht. Je mehr Überschneidungen es gibt, desto öfter fließt von anderen Profilen gehörte Musik in deinen Feed ein, die dir gefallen sollten. Eigentlich ganz logisch. Mein Spotify-Alltag sieht leider anders aus: Mein „Mix der Woche“ wird mit Boogie-Jam Musik verschandelt. Wieso denn nur? Die Mixtapes, im Grunde eine tolle Idee, sind seit Jahren die gleichen. Wieso denn nur? Boybands, Rave und Rap versammeln sich auf den immer gleichen Mixtapes. Ja, ich gebe zu, das habe ich mal hin und wieder gehört – #guiltypleasures. Aber mein eigentliches Hören ist doch viel breiter gefächert und abwechslungsreicher. Der wöchentliche Release Radar – ein, zwei Perlen sind meist schon dabei. Der Rest erklärt sich mir leider nicht. Skip to the max! Und ja, wieder: wieso denn nur? Wo Spotify eigentlich mein Freund sein solltest, entwickelt es dich zu einer lästigen Begleiterscheinung in der digitalen Welt. Hand auf‘s Herz: Da habe ich früher lieber im Plattenladen gestanden und Platten durchgehört, ob sie mir gefallen. Ich suche mir also die Inspiration wieder selber zusammen. In Musikmagazinen, auf Blogs und indem ich viele, viele Künstler durchhöre.

The bubble is not enough
Wenn der Algorithmus das Leben und dessen Inhalte kreiert, fehlt der Zufall. Der Algorithmus bestimmt unsere Meinung, unseren Musikgeschmack und was wir als Nächstes kochen. Das empfinden viele Menschen offenbar als angenehm. Ich hingegen brauche die Inspiration, das bunte Leben, zufällig gefundene Bücher oder Alben. Ich möchte Kunst entdecken, auf die ich niemals vorher gekommen wäre. Nie gesehene Mode, die mich überrascht und fasziniert. Ich möchte mich mit der politischen Meinung anderer auseinandersetzen. Und deshalb schalte ich den Algorithmus einfach ab.

Text: Julia Köcher-Eckebrecht
Bild: Charles Deluvio / Unsplash

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